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Deutschland braucht mehr Gründergeist!

Erfolgreiche Mittelständler haben die deutsche Wirtschaft stark gemacht. Gerade in der jetzigen Zeit, in der die Veränderungsgeschwindigkeit hoch ist, in der etablierte Branchen ins Wanken geraten, in der wir vor tiefgreifenden Entscheidungen und gesellschaftlichen Herausforderungen stehen und in der wir spüren, dass die Politik zu langsam ist und zu wenig zukunftsgewandte Richtungsentscheidungen trifft, braucht es in Deutschland Unternehmertum und Gründergeist mehr denn je.

Doch wie steht es um die Gründerlandschaft in Deutschland?

Auf den ersten Blick scheint alles prima bestellt zu sein. In vielen Städten boomen die Co-Working Spaces, dort tummeln sich viele Startups und Gründer, die mit ihrer Geschäftsidee die Welt ein Stückchen verbessern wollen. Gründer und Investoren sind mittlerweile absolut im Mainstream durch TV-Unterhaltungsshows wie „Die Höhle der Löwen“ und „Das Ding des Jahres“ angekommen.

Ist Deutschland also ein Gründerland?

Ein Blick auf aktuelle Studien bringt ein erschreckend anderes Ergebnis zu Tage: In der Realität ist den Deutschen Unternehmertum heutzutage ferner denn je. Eine Umfrage des KfW-Gründungsmonitors von 2019 legt den Finger in die Wunde: Während 2001 noch 1,5 Millionen Neugründungen realisiert wurden, sank die Zahl der Gründer im vergangenen Jahr auf ein historisches Tief von 550.000. Die Zahl der Unternehmensgründungen ist demnach in den letzten 19 Jahren um circa 65 Prozent gesunken. Die deutsche Industrie- und Handelskammer, die jährlich Gespräche mit Gründern führt, gibt in einer Statistik von 2017 an, dass die Zahl der Initialgespräche 2016 signifikant abgenommen hat. 7 Prozent weniger als zum Vorjahr und damit der niedrigste Stand seit 2001.

Auch im internationalen Vergleich, zeigt die DIHK Statistik auf, kann das Gründungsgeschehen nicht mithalten: Während hierzulande auf 1.000 Erwerbstätige 4,4 Gründer kommen, sind es in Großbritannien 8,3 Gründer und in Israel sogar 11,6 Gründer. Zudem halten nur 51 Prozent der Arbeitnehmer den Schritt in die Selbständigkeit für lohnenswert. In Großbritannien und Israel sind es dagegen 55 Prozent und 62 Prozent.

Aus eigener langjähriger Beschäftigung mit Gründern kenne ich auf der anderen Seite eine vielfältige und aktive Gründerszene. Doch woran liegt es, dass die Gründungsquote in Summe rückläufig und eine Trendwende nicht absehbar ist?   

Die Tendenz zum Angestellten-Dasein

Drei Faktoren nehmen, nach den Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und des Instituts YouGov, besonders starken Einfluss: Neben der schwierigen Finanzierung sind offenbar eine jahrelang florierende Wirtschaft einerseits, sowie im Vergleich zum Ausland enorme bürokratische und administrative Hürden auf politischer Ebene andererseits, ausschlaggebend. Eine Unterauslastung der Volkswirtschaft und eine hohe Arbeitslosigkeit wirken sich stimulierend auf Unternehmensgründungen aus. Die immer noch anhaltend gute Wirtschaftslage in Deutschland wirkt sich auf den Unternehmergeist der deutschen Arbeitnehmer eher demotivierend aus. Zu wenige trauen sich, einen gut bezahlten Arbeitsplatz für den Schritt in die ungewisse Selbstständigkeit aufzugeben. Die eher risikoaverse Einstellung der Deutschen spiegelt sich auch in einer Vergleichsstudie mit den USA vom Institut YouGov von 2015 wider: Während hierzulande 52 Prozent der Befragten „fehlende Sicherheit“ als Abschreckungsfaktor angaben, sind es in den USA lediglich 17 Prozent. Die Angst, mit der Geschäftsidee zu scheitern, trifft in den USA auf vier von zehn Befragte zu, in Deutschland war es dagegen jeder Zweite.

Der Länderbericht des Global Entrepreneurship Monitors verdeutlicht diese Entwicklung. Im internationalen Vergleich ist in Deutschland die Motivation zur Selbständigkeit überdurchschnittlich oft nur dann gegeben, wenn keine alternative Erwerbstätigkeit gegeben ist (sog. „Necessity-Gründer“). Auf einen Necessity-Gründer kommen hierzulande nur drei „Opportunity-Gründer“, also jene Personen, die aufgrund von Marktchancen gründen. In Norwegen und den USA kommen auf einen Necessity-Gründer dagegen 25 bzw. 60 Opportunity-Gründern.

Der deutsche Erwerbstätige tendiert demnach zum Angestellten-Dasein. Die demografische Entwicklung muss in diesem Zusammenhang ebenfalls mit in Betracht gezogen werden. Gründungen werden im Schnitt in einem Alter von 25 bis 45 Jahren umgesetzt – jene Jahrgänge, die seit Jahren schrumpfen, so die Statistik der DIHK. Zudem steht laut dem Global Entrepreneurship Monitor gerade die junge Generation Unternehmertum eher abneigend gegenüber. Gründungsgeschehen spielt in ihrer schulischen und akademischen Laufbahn nur eine untergeordnete Rolle, so dass sie sich für diesen Karriereschritt nicht ausreichend ausgebildet sehen. Wie wichtig scheint es also, dass Unternehmertum und Gründung Bestandteile der schulischen Bildung sind?

Die YouGov Studie von 2015 zeigte auch, dass Jung-Unternehmer zudem durch den schweren Zugang zu finanziellen Mitteln abgeschreckt werden. Politische Entwicklungen wie der Mindestlohn für Praktikanten, Verschärfungen der Arbeitsstättenverordnung und ein hoher administrativer Aufwand leisten ihr Übriges für ein verhaltenes Gründungsklima. Im Vergleich mit anderen westlichen Nationen sind die Bürokratie-Hürden durch die zunehmenden Regulierungen deutlich höher. In der Studie werden fehlendes Kapital mit 72 Prozent und die Papierwucht mit 70 Prozent als ausschlagender Faktor für eine gründungsaverse Haltung genannt.

5 Forderungen für mehr Gründergeist – auch an etablierte, mittelständische Unternehmer

Welche Maßnahmen müssen also in Politik und Wirtschaft umgesetzt werden, damit wieder mehr Erwerbstätige den Schritt in die Selbständigkeit wagen?

Ich habe fünf konkrete Forderungen, die einen Wandel bewirken könnten.

  1. Gründung und Unternehmertum müssen bereits in der Schule Teil des Lehrplans sein. Junge Menschen müssen ein gutes Gefühl bekommen und eine Vorstellung davon, was es bedeutet, selbständig zu sein. Sie müssen lernen, wie der Weg in die Selbständigkeit erfolgreich gegangen werden kann. Das erfordert aber auch, dass unsere Lehrerinnen und Lehrer entsprechend ausgebildet werden, und dass entsprechendes Lehrmaterial vorhanden ist. An den Hochschulen muss der Nachwuchs weiter ausgebildet werden. "Wenn wir etwas für die Gründerszene tun wollen, dann findet das in den Hochschulen statt. Wir müssen uns davon trennen, nur für das Angestelltentum auszubilden", befindet Tobias Kollmann, Professor für Internetwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen, zu Recht in einem aktuellen Beitrag. Entsprechende Lehrstühle und Studiengänge sowie Gründerzentren an Hochschulen können eine Antwort darauf sein.
  2. Die Politik, sowohl auf kommunaler als auch auf Länder- und Bundesebene, muss den Einstieg in die Gründung weiter erleichtern. In den letzten Jahren ist einiges getan worden, um die bürokratischen Hürden etwas abzubauen. Doch gleichzeitig sind mit der DSGVO wieder neue bürokratische Hürden hinzugekommen. Es dauert nach wie vor zu lange, eine Firma zu gründen und der administrative Aufwand ist auch im internationalen Vergleich zu hoch. Zwischen Notar, Handelsregister, Gewerbeamt, Rentenversicherungsanstalt, Knappschaft, Berufsgenossenschaften, Finanzamt, Datenschutzbeauftragtem und IHK geht viel Energie verloren.
  3. Die Finanzierung von Gründungen muss weiter erleichtert werden, insbesondere der unbürokratische Weg, an Fördermittel zu kommen. Wer den Mut aufbringt, ein Unternehmen zu gründen, sollte hierbei unterstützt werden. Es darf nicht das Privileg von Kindern gutverdienender Eltern sein, eine Geschäftsidee umzusetzen.
  4. Die etablierten Unternehmerinnen und Unternehmer selber müssen als Vorbilder agieren und jungen Gründerinnen und Gründern helfen, den Weg der Selbständigkeit zu gehen. Mentorenprogramme, Coachings oder Praktika können hier hilfreich sein. Der Mittelstand sollte aber auch verstärkt die Kooperation mit Startup-Unternehmen suchen, sollte Ausgründungen flankieren und sich ggf. mit anderen Unternehmen zusammenschließen, um gemeinsam an Geschäftsmodellen und/oder Technologien zu arbeiten.
  5. Wir brauchen ein positives gesellschaftliches Bewusstsein darüber, dass es der Mittelstand ist, der Arbeitsplätze schafft, der Innovationen hervorbringt und damit für Wohlstand der Gesellschaft sorgt. Und hinter mittelständischen Unternehmen steht in der Regel eine Unternehmer-Persönlichkeit oder eine Unternehmerfamilie. Es darf kein Stigma sein, Unternehmerin oder Unternehmer zu sein.

Als mehrfacher Gründer, Investor und Unternehmer ist es für mich immer wieder fantastisch zu sehen, welche Kräfte frei werden, wenn Mittelständler auf Startups treffen. Institutionen wie die Gründergeist-Plattform, Veranstaltungen wie der Gründerball und Startup-meets-Mittelstand fördern das Miteinander und geben Zuversicht. Aber es ist noch viel zu tun bis wir auf dem Niveau von Israel sind.Daher, liebe Unternehmerinnen und Unternehmer: Die schwindende Innovationskraft der Deutschen Wirtschaft, die Schwierigkeiten beim digitalen Wandel und die vielfältigen, gesellschaftlichen Herausforderungen zwingen uns, Position zu beziehen, als Vorbilder zu agieren, Entwicklungen zu fördern, Kante zu zeigen, auch mal zu drastischen Maßnahmen zu greifen und Menschen im Wandel zu begleiten. Wir sind gefordert, Brücken zu bauen zwischen Tradition und Moderne.

Wer, wenn nicht wir, hat es in der Hand!

Thomas Fischer auf dem Gründerball in Berlin

Thomas Fischer auf dem Gründerball 2018 in Berlin

Zum Autor

Thomas Fischer ist Managementberater, Unternehmer, Geschäftsführer, mehrfacher Gründer, Coach und Startup-Mittelstand-Vernetzer. Sein Thema ist der Wandel, den Unternehmen in der Digitalisierung zu bewältigen haben. Obwohl er selbst wahrscheinlich widersprechen würde: „Der Hype um Digitalisierung ist ein Missverständnis. Es ist die immer gleiche Geschichte: Unternehmen müssen erfolgreich und wettbewerbsfähig bleiben. Dazu müssen sie sich wandeln können. Gestern fand der Wandel unter dem Druck der Globalisierung statt, und heute eben unter dem Druck der Digitalisierung – deren Möglichkeiten es zu nutzen gilt.“